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Arche Noah des Internets – Review

In einem im März 1996 geschriebenen Artikel “Das Internetrisiko” schilderte der von mir sehr geschätzte Wissenschaftler und Science-Fiction Autor Stanislaw Lem seine angstvolle Sicht auf die Zukunft des damals in der “Babyphase” steckenden Internets. Heute möchte ich eine persönliche Review des Gesagten geben:

Lem leitete aus der Historie allgemeiner technischer Entwicklungen – deren Gefahren aus seiner Sicht zunehmen – die Gefahr des Internets ab und weist auf die Nachteile neuer Technologien und die damit verbundenen unbekannten Probleme hin.

Lem kritisiert eine “anglisierenden Tendenz” des Internet, getrieben durch diverse Nationen. Dem kann heute entgegengesetzt werden, dass 2008 Mandarin die zweitverbreiteste Sprache im Internet war, siehe Artikel. Lem weißt auf das problematische Wachstum des Internets hin, welches durch die kapitalistische Gier getrieben sei. Da die menschliche Informationskapazität quasi konstant ist, führe dies unweigerlich zu Informationsartifakten  und -verstopfungen. Diese Aussage lässt sich aus meiner Sicht bestätigen, leiden Internetnutzer heutzutage  größtenteils an Überversorgung von Informationen; technisch dagegen ist das Wachstum gelöst, wuchsen die Übertragungsraten in letzter Zeit doch proportional zu den Speichermengen.

Die Aussage, das Massenunterhaltung die Informationsmengen dominieren wird, kann ich zweifelsfrei bestätigen; das Internet hat sich klar zu einem primären Unterhaltungsmedium entwickelt. Das Wort “Unterhaltungsschlamm” ordne ich persönlich dem Medium Fernsehen weit vor dem Internet zu; die befürchtete Rückkehr in die “elektronische Höhlengesellschaft” ist keine Schuld des Internets sondern der Massenunterhaltung allgemein.

Nach Lem werden die Informationsfluten des Internets die Bildung “inselartiger”  institutionell getriebener Teilnetze statt eines Gesamtnetzes verursachen. Dies führe mangels interdisziplinärem Informationstausch zwar zu vorhandener aber nicht erkenntnisgewinnender Information. Persönlich würde für diesen Trend nicht das Internet, sondern die moderne Wissenschaft bzw. die betriebswirtschaftliche Spezialisierung verantwortlich machen. In der Struktur der Netze spiegelt sich diese Sachlage; heute existieren separate wissenschaftliche Hochleistungsnetze für den internationalen aber nicht den interdisziplinären Austausch. Unternehmen dagegen kommunizieren größtenteils über DAS Internet, Teilnetze werden meist aus Gründen der Sicherheit logisch abgetrennt.

Die von Lem bemängelte fehlende Kontrolle und Verwaltung ist für mich ein Grund für den Erfolg des Internets. Jeglicher Regulierung – z.B. zur Eindämmung der bemängelten Computerkriminalität – sehe ich absolut kritisch entgegen, beruht diese doch auf nationalen Gesetzen, das Internet ist dagegen global. Eine Regulierung des Internet könnte den institutionellen Charakter des Internets sogar fördern, den Lem kritisiert.

Das der Kampf Gut gegen Böse im Internet nicht Halt macht ist wie die Gefahren neuer Technologien keine neue Erkenntnis und damit nicht internetspezifisch. Die im Internet stattfindende Kriminalität ist weder grausamer noch häufiger, nur anonymer als die reale. Dass das Internet die Lasterhaftigkeit erhöht halte ich für bestätigt, dies ist aus meiner Sicht aber Ausdruck der durch das Internet gewonnen Freiheit. Zudem scheint der Verfall der Sitten ein ebenfalls neuen Technologien gewöhnlich nachgesagter Nachteil zu sein; bei Einführung des Gaslichtes in London hat eine örtliche Tageszeitung damals auch 10 Gründe für den sittlichen Verfall durch diesen technischen Fortschritt als Grund gegen das Gaslicht gedruckt.

Lem beschreibt als denkbaren aber nicht machbaren Lösungsweg gegen die von ihm erwartete Informationsintflut “eine bewertende Intelligenz, die alles, was Informationsmüll ist, vernichten und wie ein Filter nur den Zufluß von Nachrichten und visuellen Inhalten, die nicht das Böse und Dummheit propagieren, zulassen würde, und die all dem nicht schadet, was für den Menschen von Nutzen sein könnte. ” Meine Spiegelung dieser Ansicht und was das mit Suche zu tun hat möchte ich auf einen folgenden Artikel vertagen…

Im Fazit hat Lem weniger als sonst üblich skeptisch aber neutral den Weg einer Technologie interpoliert, sondern vielmehr seine persönlichen Ängste reflektiert. Dies mag an dem Interviewcharakter des Artikels oder auch an einer altersweisen Technologiefeindlichkeit liegen.

Ein Kommentar zu “Arche Noah des Internets – Review”

  1. The Search Effect on 27. September 2010 14:45

    [...] Sicht auf die Zukunft des damals in der “Babyphase” steckenden Internets. Im letzten Blogpost habe ich ein persönliches Review des Gesagten geben. Heute möchte ich schreiben, was die von Lem [...]

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